Inklusives Kanuwochenende für Jugendliche – gemeinsam sind wir stark!

Bereits zum dritten Mal führte der BVS Bayern ein zweitägiges inklusives Kanu-Jugendwochenende an der Olympia-Regattastrecke in Oberschleißheim bei München durch. Mit vierzehn Teilnehmern war der inklusive Breitensportlehrgang voll ausgebucht. Besonders erfreulich ist die Entwicklung, dass Jugendliche mit Handicap in diesem Jahr vermehrt Freunde und auch Klassenkameraden ohne Behinderung zum Kanuwochenende mitbrachten. Zeitgleich fand an diesem Wochenende eine Trainingsmaßnahme des Bayerischen Landeskaders Parakanu statt, so dass zwischen den jungen Leuten aus Breiten- und Leistungssport Kontakte geknüpft und Freundschaften gepflegt werden konnten.

Auf dem WasserFür die Teilnehmer des inklusiven Kajakkurses stand zunächst die Vorbereitung und Anpassung des Materials an die jeweiligen persönlichen Voraussetzungen im Vordergrund. So gab es z.B. Paddel, bei denen der Paddelblattwinkel individuell angemessen eingestellt werden konnte sowie spezielle Sitzanpassungen. Für die Anfänger wurden Zweierkajaks, kentersichere Einer mit Auslegern sowie lagestabile Einerkajaks eingesetzt. Paddler mit Vorkenntnissen verbesserten ihre Paddeltechnik und testeten Kajaks unterschiedlicher Bauart.
Neben dem Kanusport konnten die Jugendlichen in der Sporthalle mit und ohne Rollstuhl aktiv werden. Besonders großen Anklang fand der inklusive Rollstuhlsport!
Ein weiterer Höhepunkt des Wochenendes war der Karaoke-Abend am Samstag, der von den jungen Kanusportlern Dominik Mathes, Marvin Schmitt und Christian Mathes in bewährter Manier gestaltet wurde.
Das inklusive Kanuwochenende wurde aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration und des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes Bayern e.V. gefördert.
Die Firma Prijon aus Rosenheim unterstützte die Durchführung des Lehrgangs durch die Bereitstellung von Kajaks und Paddel.
Aktive MittagspauseFür die jungen Kanurennsportler bot das inklusive Jugendwochenende neben dem Leistungstraining auch eine Plattform, um aktuelle Entwicklungen des Rennsports zu thematisieren und gegebenenfalls negative Erfahrungen soweit wie möglich zu verarbeiten.
Im Parakanu-Rennsport gibt es seit diesem Jahr überraschend markante Veränderungen, die aus den neuen Klassifizierungsrichtlinien für die paralympische Disziplin Kajak resultieren: Es existieren nun Ausschlusskriterien für Leute mit Körperbehinderung - d.h. Sportler mit Cerebralparesen sowie Sportler mit Schädigungen im Bereich der Arme und Hände werden in der Disziplin Kajak zur Zeit nicht mehr klassifiziert. Sie können dadurch auch nicht mehr im Kajak an nationalen Meisterschaften teilnehmen.
Zu hoffen ist, dass die betroffenen Sportler ihre Exklusion, die sie jetzt im Leistungssport erleben müssen, persönlich verkraften können und einen Weg finden, weiterhin Spaß und Freude am Kanusport zu behalten!
Auch für den einen oder anderen Sportler, der dieses Jahr noch klassifiziert wurde, führen die neuen Richtlinien in ein leistungssportliches Nichts. So nutzte Christian Mathes, (21 Jahre, Kanusportler der inklusiven Kanugruppe SG BeNi/Freier TuS Regensburg, WM-Dritter von 2013 in der paralympischen Disziplin Kajak) das inklusive Jugendwochenende als einen Baustein auf seinen Weg zur Selbstfindung und Neuorientierung im Kanusport.
BootstransportSo hat Christian das Wochenende erlebt:
"Hallo, ich heiße Christian Mathes und war zum dritten Mal am Jugendwochenende mit dabei. Bei den früheren Jugendwochenenden habe ich ausschließlich für den Rennsport trainiert - bis April dieses Jahres war Rio 2016 mein großes Ziel! Für Spaß und Gespräche mit anderen Jugendlichen blieb auf Lehrgängen nur noch in der Mittagspause und abends Zeit. Diesmal durfte ich mich mehr als sonst auf dem Wasser um die Kids kümmern, was mir viel Freude gemacht hat! Das liegt daran, dass ich seit Ende April nicht mehr so intensiv für den Rennsport trainiere. Meine Behinderung resultiert aus einer vererbten Querschnittlähmung mit erhöhter Muskelspannung, d.h. ich habe unter anderem eine starke Spastik in den Beinen. Bei der neuen Klassifizierung werden Spastiken und Koordinationsstörungen nicht mehr berücksichtigt. Dadurch liege ich so ungünstig in meiner neuen Klasse, dass ich, egal wieviel ich trainiere, mich nicht mehr sportlich sinnvoll mit anderen messen kann. Kanusport macht mir immer noch sehr viel Spaß und ich möchte weiterhin einen Teil meiner Freizeit in ihn investieren. Da ich 2011 über die Jugendwoche "Stadt-Land-Fluss" des DRS (Deutscher Rollstuhl-Sportverband) zum Kanu-Freizeitsport gekommen bin und auch während meines Hochleistungstrainings durch meinen Verein eng mit dem inklusiven Kanusport verbunden war, kehre ich jetzt - nach meiner internationalen Karriere - wieder zum Breitensport zurück. Deshalb habe ich beim inklusiven Kanu-Jugendwochenende nicht nur wie sonst den Karaoke-Abend mitorganisiert, sondern auch einen jungen Rollifahrer bei seinen ersten Paddelversuchen auf dem Wasser begleitet. Das hat mir viel Spaß gemacht und ich sehe mich auch in Zukunft verstärkt in diesem Bereich."
Der inklusive Kanusport (Breitensport) hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich positiv weiterentwickelt. Sportangebote werden zunehmend ausgebaut. Über Schnuppertage, Kanukurse und regelmäßige Trainingsstunden hinaus, stellen Kanutouren auf Seen und Flüssen einen ganz besonderen Anreiz dar.
Bleibt zu hoffen, dass in nicht allzu ferner Zukunft auch der paralympische Kanurennsport eine angemessene Entwicklung vollzieht. Es ist dringend notwendig, dass die oben beschriebenen Ausschlusskriterien wieder abgeschafft werden und eine Klassifizierung entwickelt wird, die allen Athleten mit Körperbehinderung eine Perspektive für sinnvollen sportlichen Vergleich im Wettkampf bietet!
Text: Christian Mathes / Christine Wilholm
Fotos: Christine Wilholm


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